Lyotard, Jean François: Das Postmoderne Wissen, 1982

Das Buch ist ein Klassiker der Diskussion um die Postmoderne. Nach Lyotard hat die gegenwärtige informatisierte Gesellschaft ein Problem der Legitimation: Die beiden „großen Erzählungen“ haben mit den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs ihre Glaubwürdigkeit verloren. „Große Erzählungen“ – dafür stehen heute Systemtheorie und Kritische Theorie. Lyotard verwirft sie beide.

Der Anlass für Lyotards Frage nach der Legitimation liegt in dem Ursprung des Werkes. Lyotard sollte für den Universitätsrat Québecs einen Bericht über das Wissen in den hochentwickelten Gesellschaften verfassen.

Unter Legitimation versteht Lyotard den Prozess der Autorisation eines Gesetzgebers. Wissen und Macht hält er für untrennbar, denn: „wer entscheidet, was Wissen ist und wer weiß, was es zu entscheiden gilt?“. Nachdem er so die Fragestellung zugespitzt hat, erläutert er seine an Wittgenstein orientierte sprachanalytische Methode. Im Verlauf des Berichts kommt Lyotard zum Ergebnis, dass im Gegensatz zu den Legitimationstheorien der „Moderne“ nunmehr ein Bruch vorliegt – die „Postmoderne“. Die herkömmlichen Legitimationswege sind nicht mehr gangbar: ein auf der Metaebene der Erkenntnistheorie liegender universeller Konsens ist hierzu ebenso wenig geeignet, wie die unendliche Komplexitätsreduktion einer als System verstandenen Gesellschaft. Eine Lösung im Sinne eines neuen „dritten“ Weges bietet Lyotard freilich in „Das Postmoderne Wissen“ (noch) nicht.

Den Bericht halte ich aus verschiedenen Gründen für interessant und überwiegend gut begründet. Interessant ist zunächst die Herangehensweise über den Begriff der Legitimation. Dies erscheint mir überhaupt die zentrale Frage unserer von Unsicherheit geprägten Zeit zu sein. Die Übertragung auf den Erkenntnis-Komplex ist schon deshalb überzeugend, weil jegliches Streben nach Erkenntnis durch die Auswahl von Fragestellung und Methoden bestimmt ist. Hier wird eine Entscheidung notwendig, die man mit der Frage nach der Legitimation prüfen muss. Auch Lyotards Methodenwahl erscheint passend. Die Analyse auf einer elementaren Aussage-  bzw. Sprachebene ist wohl die einzige Möglichkeit, die Vokabulare der Systemtheoretiker und Gesellschaftskritiker zu vergleichen.

Fazit: Das Buch eignet sich gut zum „Philosophieren mit dem Hammer“ (um einen anderen bekannten Philosophen zu zitieren), jedoch weniger zur Erlangung von Lösungen. Die methodische Herangehensweise, die Fassung der Fragestellung über das Legitimationsproblem sowie die Analyse der Informationsgesellschaft sind fruchtbare Ausgangspunkte!

Lyotard, Jean-Fraçois: Das Postmoderne Wissen – ein Bericht, 3. Auflage 1994, Passagen Verlag. Im Original: La condition postmoderne, erstmals 1982 in einer Zeitschrift erschienen.

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